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POLITIK
Vernachlässigte, halb verhungerte Kinder im "Kinderheim"Decret 770
Die jüngsten Opfer des irren Diktators
Während Ceaușescu als neuer Machthaber Rumäniens auch wegen seiner Weigerung, die CSSR nach dem Prager Frühling mit zu besetzen, im Westen noch als Hoffnungsträger gesehen wird, veranstaltet der Diktator daheim bereits ein grausames Sozialexperiment ohne Gleichen. Der irre Führer will Rumänien zur Großmacht formen. Dafür soll die Bevölkerung binnen 24 Jahren um 10 Millionen wachsen – von unter 20 auf über 30 Millionen.
Verlogene Inszenierung der Ceaușescus mit Kindern
Das Mittel dazu ist das berüchtigte »Dekret 770«. Es verpflichtet ab 1966 jede Rumänin, vier (später sogar fünf) Kinder zu gebären. Zur Durchsetzung werden der Verkauf von Verhütungsmittel unterbunden, Abtreibungen verboten und mit mehrjähriger Haftstrafen geahndet. Frauen setzt man mit "Besuchen" persönlich unter Druck. Bis zum Alter von 40 (später 45) müssen sich Gebährfähige regelmäßig gynäkologischen Zwangsuntersuchungen unterziehen. Kinderlose unterliegen zur Strafe einer "Zölibats-Steuer". Rumäniens berüchtigte Geheimpolizei Securitate überwacht jede Schwangerschaft bis zur Geburt. Auch in den Krankenhäusern.
Begleitend inszeniert das Regime in den Schulen und gleichgeschalteten Medien eine beispiellose Desinformationskampagne: Das Lebens der Frau erfülle sich nur in der heldenhaften Mutterschaft, bei der sie Land und Führer Kinder schenkt. Alle Verhütungsmittel diffamiert man als lebensgefährlich. Noch heute trifft man ältere RumänInnen, die Kondome für krebserregend halten.
Viele Rumäninnen versuchen trotz Verbots abzutreiben. Durch eigene oder unsachgemäße Abtreibungsversuche von "Engelmacherinnen" sterben, bei hoher Dunkelziffer, über 11.000 Frauen. Auch, weil ihnen bei Komplikationen mitunter der Zugang zum Krankenhaus verweigert oder erst nach Preisgabe der Helfenden gewährt wird. Selbst auf dem Operationstisch werden Frauen noch verhört. Infolge misslungener Abtreibungen kommen viele Kinder mit Missbildungen und Behinderungen zur Welt.
Die grausame Wahrheit: Verlassene Kinder
Dennoch führt das natalistische Zwangs-Dekret zu einer Verdopplung der Geburtenrate. Eine ganze Generation wird auf Befehl geboren. Gleichzeitig steigt die Kindbettsterblichkeit in Rumänien auf mehr als das Zehnfache gegenüber den Nachbarländern. Die meisten Familien sind mit den zusätzlichen Kindern überfordert. Nicht nur, weil die großspurig angekündigte staatliche Unterstützung durch neue Krippen und Kindergärten ebenso ausbleibt wie die versprochene finanzielle Familienförderung. Ganz im Gegenteil: Der Conducător verfolgt die Wahnidee, das Agrarland Rumänien auf Schwerindustrie umzustellen. Um die überdimensionierten und häufig fehlschlagenden Projekte zu finanzieren, verkauft das selbsternannte "Genie der Karpaten" große Teile der heimischen Grundnahrungsmittel und rationiert Energie und Essen – das Volk hungert und darf Wohnungen nur noch auf maximal 12 Grad Celsius heizen. Derweil kommen auf eine Lehrkraft bald über 40 Schüler. Unterrichtet wird ein reduzierter Lehrplan in bis zu drei Schichten.
'Leben' im wortwörtlichen UntergrundIn ihrer bitteren Not wissen sich viele Eltern nicht mehr anders zu helfen: Um wenigstens einige ihrer Kinder durchzubringen, schicken sie die anderen in Waisenhäuser – oder setzten sie gar aus. Manche Kinder werden auch getötet. Die Kinderheime sind menschenunwürdige Verwahranstalten: Dort herrschen Hunger, Gewalt und katastrophale hygienische Zustände. Ans Bett gefesselte Kinder liegen in ihren eigenen Exkrementen. Man gibt – so heißt es – Kinder dorthin, damit sie langsam sterben. Ihr Tod durch Vernachlässigung ist – zur Schonung knapper Ressourcen – einkalkuliert. Noch erbärmlicher geht es den sich selbst überlassenen oder aus Heimen geflohenen »Straßenkindern«. Als Ceauşescu 1989 gestürzt und erschossen wird sind es landesweit Zehntausende, wohl die Hälfte davon allein in Bukarest. Sie suchen nachts Zuflucht in der Kanalisation und führen ein Leben inmitten von Gewalt, Drogen und sexuellem Missbrauch. Bukarest wird zu einem "El-Dorado" für pädokriminelle Sextouristen.
Für den Zeitpunkt der Rumänischen Revolution schätzt man die Zahl der verwahrlosen Heimkinder auf über 100.000, die der Straßenkinder auf 20.000 – 30.000 (andere Quellen sprechen von bis zu 100.000). Aus etwa jedem fünften bis zehnten Haushalt müssten demnach Kinder 'weggegeben' worden sein, also aus etwa jedem zweiten bis dritten haushaltsübergreifendem Familienverbund. Ein kaum vorstellbares Ausmaß familiärer Traumata und eine große und heikle gesellschaftliche Wunde, über die kaum jemand zu sprechen vermag.
Die ältesten Decreței (sprich: Dekrezej ≈ deutsch: 'Dekretechens') sind bei der Wende 1989 etwas über 20 Jahre alt, die jüngsten werden erst Ende der 2000er Jahre erwachsen. Wenn sie es denn werden, denn viele "verschwinden" schlicht in oft namenlosen Gräbern.Persönliche Anmerkung:
Selbst einen professionellen Autor wie mich, der über Krieg, Armut, Leid und Tod zu schreiben gewohnt ist, wühlt ein solches Thema auf. Ich kann nur hoffen, dass meine Zeilen den Dekrets-Kindern ein ehrendes Andenken und Politikern eine Warnung vor solch menschenverachtenden Verbrechen sein mögen.
Schnüffelnde Straßenkinder im Bukarester Untergrund.
So viel Jugend, Freundschaft, Schönheit – und in allem schon die unerbittlich fortschreitende Zerstörung.
Es zerreißt einem das Herz.
Fotos:
Die Fotos stammen aus der Serie "Bucharest Street Kids" (© 1998 | Teun Voeten)
Die gesamte beeindruckende/beklemmenden Serie findet sich auf der Website
des Niederländischen Fotografen Teun Voeten (www.teunvoeten.com) unter
https://www.teunvoeten.com/photography/documentary-bucharest.html
Weiterführende Links:
> Wikipedia: "Decret 770" | https://de.wikipedia.org/wiki/Dekret_770
> Wikipedia: "Rumänische Straßenkinder" | https://de.wikipedia.org/wiki/Straßenkinder_in_Rumänien
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