• Kyra Frosini – Die freigeistige Madame (1773–1801)
    kyra_frosini__euphrosyne_vasileiou____kleid_getragen_von_schauspielerin_ 715×533._jpg
    Schauspielerin im historischen Kleid von Kyra Frosini (1773–1801)


    Madame Frosini
    Sie bezahlte ihren Freigeist mit dem Leben

    Die Griechin Euphrosyne Vasileiou war eine bemerkenswerte Person. Bemerkenswert klug, bemerkenswert schön, bemerkenswert frei. Sicher auch bemerkenswert einflussreich. Und schon Ende des 8. Jahrhunderts in Ali Paschas albanisch-griechischer Hauptstadt Ioannina sehr fortschrittlich. Als Kyra Frosini (deutsch etwa: „Madame Phrosyne“) führt sie einen Salon und ist zentrale Figur einer Gruppe von Intellektuellen, die Kunst und Literatur zelebrieren. Ihr selbstbewusstes und freigeistiges Leben bezahlt sie allerdings mit dem Tod. Ali Pascha lässt die 26jährige Mutter zweier Kinder mit 17 weiteren Frauen ertränken. Ein grausamer Femizid.

    Begründet wird die Hinrichtung vom 11. Januar 1801 mit „unmoralischem“ Lebenswandel. Und tatsächlich gilt den AnklägerInnen bereits weibliches Selbstbewusstsein als Unmoral. Um so mehr das Ansinnen, sich nicht nur als Mann, sondern auch als Frau auch außerhalb der Ehe zu vergnügen.

    So hatte die mit einem reichen, aber oft abwesenden Kaufmann Verheiratete ein Verhältnis mit dem Sohn von Ali Pascha. Der Herrscher hatte aber wohl selbst ein Auge auf sie geworfen. Doch sie weist den »Löwen von Ioannina« zurück. Nicht nur, dass sie den Sohn nicht verrät, sie hat auch noch Einfluss auf ihn. Eine Ungeheuerlichkeit. Auch die beiden Schwiegertöchter Ali Pashas stören sich am untraditionellen Lebenswandel, an dem Paschas Söhne ja Teil haben. Und verlangen die Bestrafung (der Frau, nicht des Mannes), zumal der Sohn dumm genug war, Frosini einen Hochzeitsring seiner Ehefrau zu schenken. Schließlich soll auch noch eine Rolle gespielt haben, dass Ali Pascha, selbst mit einer Christin verheiratet, seitens der muslimischen Osmanen unter Druck stand.

    Doch was auch immer der Anlass sein mag: Der monströse Mehrfach-Mord ist nicht zu rechtfertigen. Und er zeichnet Ali Pascha auch nicht als „Löwen“ aus. Sondern als feigen, verbrecherischen Drecksack. Auch nach zweihundert Jahren. Vielleicht heute ein Anlass, mal darüber nachzudenken, wohin es führt, Menschen die Gleichberechtigung zu verweigern. Erst wird diskriminiert. Und dann bringt man sie irgendwann einfach um.

    kyra_frosini__euphrosyne_vasileiou____nachgestellte_hinrichtungssezne_im_museum_von_hinten___715×477
    Im Museum nachgestellte Hinrichtungs/Ertränkungs-Szene




    Leben

    Euphrosyne, kurz Kyra, deren Geburtsname nicht bekannt ist, wird etwa 1773 als Nichte des Bischofs von Ioannina geboren und heiratet als junge Frau den wohlhabenden griechischen Kaufmann Dimitrios Vasileiou. Ihr Mann ist viel auf Reisen, sie selbst wird wird ein führendes Mitglied der lokalen Aristokratie in Ioannina und bekannt für ihre Intelligenz und Schönheit.

    kyra_frosini__euphrosyne_vasileiou_rundes_bild_im_rahmen__715×715

    Ali Pascha (Tempelena) hatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts innerhalb des Osmanischen Reiches seinen eigenen, weitgehend autonomen Staat errichtet. Dessen faktische Hauptstadt war Ioannina. Dort versammelt der »Löwe von Ioannina« an seinem Hof ​​Künstler und Intellektuelle aus ganz Europa. Ioannina gilt als fortschrittliche, vergleichsweise liberale Stadt. Man orientierte sich am Lebensstil Mitteleuropas, vornehmlich Frankreichs. Ali Pascha sucht auch so den Ausgleich zwischen seinen muslimisch/osmanischen und griechisch/christlichen Untertanen herzustellen. In diesem geistigen Milleu ist Euphrosyne eine zentrale Figur. Sie leitet einen gesellschaftlichen Salon und eine Gruppe von Intellektuellen, die Kunst und Literatur zelebrierten.

    In diesem Rahmen lernt Ali Paschas Sohn, Muhtar Pascha, sie kennen und schätzen. Begünstigt durch die häufige Abwesenheit des reisenden Ehemanns gehen der Governeur-Sohn und die Madame Frosini eine Liebesbeziehung ein. Sehr zum Missfallen der traditionell lebenden türkischen (Ehe-)Frauen. Da es sich im keine der – bei ihren Männern sonst durchaus üblichen – Affären handelt, beschweren sie sich zunehmend bei Ali Pascha über die von Euphrosyne geführte Gesellschaft.



    Verhaftung und Ermordung

    Am 10. Januar 1801 lässt Ali Pascha Kyra Frosini zusammen mit 18 weiteren Frauen, verhaften und inhaftieren. Ihnen allen wird – teils nachweislich zu unrecht – Ehebruch und "unmoralisches Leben" vorgeworfen. Unter den Frauen befinden sich Frosinis Zofe, Ihre ältere kranke Schwester, aber auch scheinbar willkürlich ausgewälte wie vier Schwestern, die eine Schneiderei betreiben.

    Die Verhaftung erregt im sensiblen politischen Klima des osmanischen Griechenlands Unmut und führe zu Protesten der griechischen Bevölkerung. Dennoch wird nur eine der insgesamt 19 verhafteten Frauen wird aus der Haft entlassen, weil sich jemand für sie eingesetzt hatte. Auch für Frosyne wird interveniert. Ihr Onke, der Bischoff, bietet Ali Pascha reiche Geschenke für ihre Verschonung an. Ihm wird jedoch lediglich zugestanden, sich um nach der Hinrichtung um die minderjährige Waisen seiner Nichte zu kümmern. Auch der Ehemann interveniert erfolglos. Dimitrios Vasiliou soll die Frage, ob er weiterhin mit einer Prostituierten (seiner Frau) zusammenleben wolle, mit "ja" beantwortet haben. Für alle anderen Frauen setzt sich niemand ein.

    kyra_frosini--euphrosyne_vasileiou--gemaelde_der_ertraenkung_hinrichtung--715×511

    In der Nacht des 11. Januar 1801 werden alle übrigen 18 Frauen, darunter Kyra Frosini, auf Befehl von Ali Pascha durch Ertränken im Pamvotida-See hingerichtet. Die Frauen werden in Säcke genäht und nachts von einem Boot in den See gestoßen. Berichten zufolge soll Kyra Frosini sich dem Einnähen verweigert haben. Es müssen sich grauenvolle Szenen abgespielt haben. Manche Frauen ergaben sich apathisch in ihr Schicksal, andere beteten, andere schrieen laut um Hilfe und einige versuchten wohl auch, einen letzten Rest Würde zu bewahren.
    So sollen Frosini und ihre Zofe selbst ins eiskalte Wasser gesprungen ein. Einer der Henker berichtete später: Er habe er viel Folter gesehen habe, werde aber die Gesichter der Frauen im Wasser nie vergessen werde und sei in vielen Nächten von ihren Schreien in seinen Albträumen aufgewacht.

    Nach der grausamen Hinrichtung werden die Häuser der Frauen zugemauert und ihr Eigentum beschlagnahmt. Der Bischof, dessen Intervention für seine Nichte Frosini zuvor erfolglos war, erreicht immerhin, dass alle 17 ermordeten Frauen auf dem Friedhof des Kloster der Heiligen Anargyroi ehrenvoll beigesetzt werden.
    Gegenüber Muhtar Pascha wurde eine Bestrafung für seinen Ehebruch nicht einmal erwogen.



    Tatsächliche Gründe des Mordes / Femizids

    Als Anlass für den Mord werden einige Motive angeführt. Wahrscheinlich gaben mehrere oder sogar alle zusammen Anlass für den Femizid.

    So soll die Ehefrau von Muhtar Pascha, also die Schwiegertochter Ali Paschas, ihn direkt gebeten haben. Diese Schwiegertochter entstammte war politisch gut vernetzt. Ali Pascha soll ihrem Wunsch nachgegeben haben, um nicht die Unterstützung ihrer mächtigen Familie zu verlieren.

    Als sicher gelten kann ein gewisser Druck auf Ali Pasdha seitens der traditionell lebenden muslimischen (Ehefrauen) allgemein. Ioannina war eine stark westlich geprägte Gesellschaft. Und Kyra Frosini war eine Vertreterin liberaler sexueller Werte innerhalb der europäischen Aristokratie, in der Frauen Liebhaber haben durften. An Ali Paschas Hof verkehrten Intellektuelle und Künstler aus ganz und viele aus West-Europa. So konnte man ihm vorwerfen, Liberalität zu fördern und traditionelle muslimische Werte zu verraten. Denn Ehebruch durch eine Frau galt im islamischen Recht als sehr schweres Verbrechen. Und Ali Pascha befand sich zu diesem Zeitpunkt auch in einer schwierigen Lage gegenüber den osmanischen Behörden. Er wollte nicht als schwacher Herrscher in seiner Provinz erscheinen, zumal es in seiner Provinz schon einige Probleme mit Raubüberfällen und Entführungen gab. Insofern diente ihm der Femizid, sich als starken Kämpfer gegen westliche Dekadenz und für muslimische Werte zu inszenieren. Überzeugt war er von diesen sicher nicht besonders - schließlich war er selbst mit einer griechischen Christin verheiratet.

    Plausibel erscheint ein lokales Gerücht. Ali Pascha soll selbst tief in Frosini verliebt gewesen sein. Deshalb konnte er ihre Affäre und Gefühle für seinen Sohn sowie ihren Einfluss auf ihn nicht ertragen. Wobei der Einfluss auf seinen Sohn ihn auch ohne eigene Verliebtheit gestört haben dürfte.

    Schwer verständlich bleibt, warum 17 weitere Frauen hingerichtet wurden. Eine Erklärung könnte sein: Ali Pascha wollte seine Rache an Frosini verschleiern, um den Unmut seines Sohnes und der griechischen Bevölkerung doch irgendwie noch zu begrenzen. Deshalb inszenierte er eine allgemeine "Säuberungsaktion" zur Vertuschung: Es sollte scheinen, dass Frosini nur "mitgehangen und mitgefangen" worden sei.

    Grund für die schnelle Hinrichtung war Berichten zufolge die unmittelbare Wut in der Gemeinde aufgrund der Verhaftungen und die Bereitschaft der Angehörigen der Angeklagten, ihnen ihre angeblichen Verbrechen zu vergeben.

    In Griechenland wird als Grund meist genannt verbreitet, es sei eine Teilnahme Frosini am Widerstand gegen das Osmanische Reich entdeckt worden. Deshalb sei zumindest sie aus politischen Gründen ermordet worden. Entsprechend wird sie – auch aus nationalistischen Gründen – als Märtyrerin und Nationalheldin verehrt.

    Für den Autor dieser Zeilen hat das alles sicher eine Rolle gespielt. Schon einer dieser Gründe hätte dem grausamen "Löwen von Ioannina" genügt. Nur drängt das mitunter einen offensichtliche Anlass etwas in den Hintergrund: Kyra Frosini hat war ein Freigeist. Sie hat die Grenzen der Frauenrolle überschritten und erweitert. Offensichtlich so sehr, dass nur ein Massenmord die "alte Ordnung" wieder herstellen konnte. Mann kann sich nur wünschen, dass wir heute erkennen, wenn es ZeitgenossInnen ähnlich ergeht. Und das wir nicht wegsehen und schweigen. Sondern beistehen und Helfen.



    Wirkung

    Auf Initiative ihres Onkels, des Bischofs Gabriel von Ioannina, werden Kyra Frosini und die anderen Frauen wurden mit allen Ehren im Kloster St. Anargyroi begraben Berichten. Von giechischer Seite werden die Frauen schnell als Märtyrerinnen im Kampf gegen die Osmanen vereinnahmt.

    Ali Pascha stand zeit seiner Regentschaft vor der Aufgabe, sich auch die Unterstützung der griechischen/christlichen Bevölkerung und Würdenträger zu sichen. Insbesondere jener im Epirus (Landschaft, die sich heute über Südalbanien und Nordgriechenland erstreckt). Deshalb tolerierte er die Christen nicht nur, sondern ergriff auch zahlreiche Maßnahmen und Bauprojekte, um sich die Gunst der griechischen Epiroten zu sichern.

    Die Hinrichtung der Frauen bringt jedoch die griechische Bevölkerung gegen ihn auf. Und das wird ihm während des griechischen Unabhängigkeitskrieges zum Verhängnis. Denn der osmanischen Sultan Konstantinopels schickt Truppen, um der wachsenden Macht und Autonomie des Gouverneurs ein Ende zu setzten. Und nun wird Ali Pasha von den Griechen im Stich gelassen.



    Name und Titel »Kyra«

    "Kyra" ist ein Titel oder eine Anrede in griechischer Sprache, ähnlich wie "Frau" oder "Dame" auf Deutsch. Es wird verwendet, um Respekt oder Höflichkeit auszudrücken, ähnlich wie das türkische "Hanim", das englische "Lady" oder das französiche, auch im deutschen verwendbare "Madame". Im Fall von Kyra Frosini betont dieser Titel als "Madame Phrosyne" ihren Status und ihre Anerkennung in der Gesellschaft.


    kyra_frosini--euphrosyne_vasileiou--gemaelde_von_nikolaos_kounelakis---715×460
    Kyra Frosini auf historischem Gemälde von Nikolaos Kounelakis






    Künstlerische Verarbeitung


    GEDICHT

    Von Aristotelis Valaoritis aus dem Jahr 1859


    OPER
    "Frossini" aus dem Jahr 1879 von von Pavlos Carrer




    FILME

    kyra_frosini--euphrosyne_vasileiou--filmplakat--the_lake_of_sighs--the_groaning_lake--i_limni_ton_stenagmon--irene_papas
    Mit Irene Papas


    The Lake of Sighs / The Groaning Lake
    Originall: Η Λίμνη των Στεναγμών [ I limni ton stenagmon ] 
    Zu deutsch etwa: "Der Seufzersee"

    Aus dem Jahr 1959 von Grigoris Grigoriou
    mit Irene Papas in der Rolle der Kyra Frosini.

    Der Film, von dem es keine deutsche und von dem ich noch keine englische Synchronfassung gesehen habe, ist übrigens eine ziemliche Schmonzette. Er wird der historischen Frosini als starker und selbstbewusster Frau nicht gerecht.






    kyra_frosini--euphrosyne_vasileiou--filmplakat--ali_pasha_and_lady_frosini--o_ali_pasas_kai_i_kyra_frosyni--535×715
    Mit Gely Mavropoulou


    Ali Pasha und Lady Frosini
    Original: Ο Αλή Πασσάς και η κυρά Φροσύνη - [ O Ali Pasas kai i Kyra Frosyni ]
    Zu deutscht etwa: "Ali Pascha und Madame Frosini"

    Ebenfalls aus dem Jahr 1959 von Stefanos Stratigos (Regie) und Gorgos Lefkofridis (Drehbuch) mit Gely Mavropoulou in der Rolle der Kyra Frosini

    Der Film ist ein schnell und oberflächlich produziertes Werk, mit dem Stratigos seinem Konkurrenten Grigoriou zuvorkommen wollte, nachdem er erfahren hatte, dass dieser einen Streifen über das publikumsträchtige Thema drehen wollte. Dafür übernahm er sogar den ursprünglich für den anderen Film ursprünglich vorgesehenen Titel, der ihm zugetragen worden war.





    Weiterführende Links:

    => Ali-Pascha-Museum am See (Nachgestellte Ertränkungsszene) | https://museumalipasha.gr/en/kyra-frosini/
    =>
    FILM "The Lake of Sighs" / "The Groaning Lake" in der Internet Movie Database (IMDb) |  https://www.imdb.com/de/title/tt0220615
    => FILM "Ali Pasha and Lady Frosyni" in der Internet Movie Database (IMDb) | https://www.imdb.com/de/title/tt0252841