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Griechenlands größte Revolutionärin
Ihr historisches Aussehen ist nicht verbürgt, aber Darstellungen zeigen sie meist energisch
Bouboulina
1771–1825 | Gefeierte Freiheitskämpferin und Kapitänin
Jugend
Schon die Geburt ist ungewöhnlich. Die Mutter besucht den im Sterben liegenden Vater – im Gefängnis. Und kommt dort nieder. Denn Vater Stavrianós Pinótsis (Σταυριανός Πινότσης) hatte auf der Peloponnes 1769/70 im Orlow-Aufstand gegen die Osmanen gekämpft. Und die hatten ihn nun in Konstantinopel eingekerkert. Die Mutter Skevo (Σκεύω Κοκκίνη) aus der reichen und einflussreichen Kokkinis-Familie von dort und hatte den griechischen Albaner (Arvaniten) von der Insel Hydra geheiratet. Einen Kapitän, wie es bei Mutter und Tochter Brauch werden sollte.
Die als Laskarina Pinótsi (Λασκαρίνα Πινότση) geborene spätere Bouboulina lebt die ersten vier Jahre noch mit der verwitweten Mutter auf Hydra. Dann heiratet die Mutter – wieder einen Kapitän. Und wieder einen Freiheitskämpfer. Kapitän Dimitrios Lazarou hatte sogar seinen Namen zu Lazarou-Orlof erweitert, um sein Mitwirken am Orlow-Aufstand zu bekennen. Sie übersiedeln auf die Insel Spetses, wo Laskarina mit schließlich acht Halbgeschwistern aufwächst. In der Hausbibliothek liest sie die Schiller und Voltaire, begeistert sich für Aufklärung und Französische Revolution. Und auch für das Segeln, dass der liberale Stiefvater ihr entgegen der Zeit-Konventionen beibringt.
Ehen
Mit 17 heiratet Laskarina zum ersten Mal. Natürlich einen Kapitän. Doch die Ehe mit Dimitrios Joannis Jiannuza währt nur von 1788 bis 1797. Denn nach neun Jahren stirbt der Mann im Kampf gegen algerische Piraten. Da hat die junge Witwe bereits drei Kinder: Ioannis, Georgios und Maria.
Im folgenden Jahr ehelicht sie, ja was wohl? Einen Kapitän. Diesmal einen reichen. Denn Dimitrios Bouboulinis betreibt auch eine Rederei. Nun bildet sich auch der Name, unter dem sie später berühmt werden soll: Aus der weiblichen Form des Familiennamen "Bouboulini" wird das fast schon zärtliche Bouboulina, oder vollständig: Laskarina Bouboulina [Λασκαρίνα Μπουμπουλίνα] .Die heuer zehnjährigen Ehe (1801-1811) bringt vier weitere Kinder hervor: Skevo, Eleni, Nikolaos und Ioannis. Wobei die Mutterschaft für Ioannis gelegentlich angezweifelt wird, weil man nur von sechs eigenen Kindern wissen will und Ioannis zum Stiefsohn macht. Nicht so Bouboulinas Familie, deren Nachfahren auf Spetses ein Museum betreiben und sieben leibliche Kinder bezeugen. Jedenfalls ist Bouboulina mit den Stiefkindern Mutter von zehn Zöglingen als auch ihr zweiter Mann 1811 im Kampf mit Piraten fällt.
Rüsten
Bouboulina übernimmt die Rederei und versteht, das beträchttiche Erbe erheblich zu mehren. Mit ihrem Vermögen beteiligt sie sich von nun an am Bau und Betrieb mehrerer spetsiotischen Schiffe und baut auch einige eigene.
Die omanischen Behörden wissen sowohl um die politischen Aktivitäten ihres verstorbenen Gatten als auch ihren Reichtum und ahnen wohl auch ihre politischen Absichten. So wollen sie 1816 das Vermögen der Witwe beschlagnahmen. Doch die gibt nicht klein bei, sondern segelt mit ihrer Koriezos nach Konstantinopel. Dort bittet sie den russischen Botschafter um Hilfe. Und – taktisch klug von Frau zu Frau – die Mutter des Sultans. Graf Stroganow erreicht, dass Bouboulina fortan unter russischer Flagge segeln. Sie stehen damit unter dem Schutz des russisch-osmanischen Handelsvertrags. Und er sorgt für Asyl: Die Kapitänin kann in der Ukraine, auf ein von Zar Alexander I. zur Verfügung gestelltem Landgut. Dort verbringt sie drei Monate und wartet auf den Erfolg der mütterlichen Intervention bei Sultan Mahmud II. Denn die hatte Valide Sultan Nakşidil ihr versprochen. Und zwar im Gegenzug für Bouboulinas Versprechen, dereinst zu helfen, sollte je eine osmanische Frau in Not sie darum bitten. Die Sultansmutter hält ihr Versprechen, wie auch Bouboulina später ihres.
Das nun gesicherte Vermögen macht Bouboulina keineswegs Freundin der Osmanen. Ganz im Gegenteil. Noch während der Bitt-Reise (manche behaupten auch erst zwei Jahre später bei einer weiteren) tritt sie dem Geheimbund "Filiki Eteria" bei. Die "Freundesgesellschaft" strebt ein unabhängiges Griechenland an und bereitet den Kampf dafür im Untergrund vor. Bouboulina ist und bleibt darin die einzige Frau. Das ist so ungewöhnlich, dass die Männer sie zahlen, beraten und kämpfen lassen, aber in der offiziellen Liste verschweigen.
1820 legt Bouboulina die 33-Meter-Korvette Agamemnon auf Kiel. Ein Schiff, dass es aufgrund der Größe und Bewaffnung mit 18 Kanonen gar nicht geben darf. Als dies Konstantinopel zugetragen wird, schickt man einen Kontrolleur. Doch mich Charme und Chuzpe ("Die Kanonen sind nur gegen Piraten, an die hab' ich doch schon zwei Männer verloren") sowie mit viel Bakschisch wird der gesandte Admiral überzeugt: Das mächtig Schiff darf als Langsstrecken-Handelsschiff vom Stapel laufen. Faktisch ist die nach dem griechischen Anführer im Trojanischen Krieg (sic!) benanntet Agamemnon das erste Kriegschiff Griechenlands.
Kämpfen
Bereits zwölf Tage vor dem verabredeten Revolutions-Start hisst Bouboulina auf der Agamemnon am 13. Mai 1821 ihre Freiheitsflagge: Ein Adler, der mit dem linken Fuß einen Anker mit dem rechten einen sich befreienden aus Flammen aufsteigenden Phönix hält.
Von Beginn an beteiligt sich Bouboulina als Kommandeurin einer Flotte von acht Schiffen (fünf eigenen und drei weiteren) am Befreiungskrieg und greift dabei auch mit selbst unterhaltenen Truppen in Landkämpfe ein. Zeitweise teilt sie ihre Armada, um gleichzeitige Blockaden mehrere Städte zu leisten. Zwischendurch motiviert sie noch verbündete Landtruppen mit ihrem Besuch. So hat sie entscheidenden Anteil am Fall diverser osmanischer Garnisonen und Städte. Darunter Nafplio und Monemvasia, aber auch Pylos, Argos und nicht zuletzt Tripolis. Als Kapitäne ihrer Schiffe und Kommandeure ihrer Landtruppen dienen ihre eigenen Söhne und Halbbrüder. Griechen kämpfen halt im Familienverband.
Mit ihrem taktischen Geschick, Mut und uneigenützigem Einsatz ihres gesamten Vermögens erlangt Bouboulina bei Truppen und Kommandeuren hohes Ansehen. Bald wird sie ehrenvoll als "Kapetanissa" (Kapitänin) und "Megali Kyra"(Große Dame) tituliert. Auf dem Schlachtfeld empfangen sie auch unter anderem Befehl stehende Truppen jubelnd. Das alles lässt sie indes nicht abheben: Als ihr ein Reisender ein arg heroisiertes, unrealistisch romantisches Bildnis ihrer selbst aus Paris zeigt, bricht sie in schallendes Gelächter aus.
Nach dem Fall von Tripolis am 11.09.1821 verüben die Aufständischen ein furchtbares Massakers. Die siegreichen Kommandeure erlauben nur den Albaner freien Abzug. Als die Frau von Hurschid Pascha sich hilfesuchend an Bouboulina wendet, löst die ihr der Sultansmutter gegebenes Versprechen ein: Unter eigener Lebensgefahr rettet sie das Leben aller Harems-Frauen und deren Kinder.
Nafplio fällt schließlich im im Dezember 1822. Für ihre Verdienste um die Nation wird Bouboulina ein Haus zum gestellt – und wohl als als Mitglied im Neuorganisations-Komitee auch Zugriff auf die Finanzen gewährt, den sie für sich zu nutzen weiß. Bouboulina bleibt in Nafplio. Mit General Theodoros Kolokotronis verbindet sie inzwischen eine auf Respekt und Achtung gründende, enge Freundschaft. Ihre Tochter Eleni heiratet den Sohn des Generals, Panos Kolokotronis.
Ende 1824 führen Machtkonflikte unter den Freiheitskämpfern zu einem zweiten Bürgerkrieg. Politische Gegner ermorden Bouboulinas Schwiegersohn, Panos Kolokotronis. Sein Vater wird verhaftet und in einem Kloster auf Hydra inhaftiert. Bouboulina stellt sich dem entgegen und wird daraufhin selbst zweimal festgenommen. Schlussendlich unterliegt ihre Fraktion und die Regierung verweist sie zurück nach Spetses.
Tod und Nachruhm
Bouboulina geht zurück nach Spetses. Doch die Revolution gerät ins Stocken. Nach anfänglichen griechischen Siegen gewinnen nun die Osmanen wieder Oberhand, gewinnen fast das ganze Festland zurück. Obwohl inzwischen vermögenslos und durchaus verbittert, plant die Kapitänin, sich wieder zu engagieren. Sie will wieder für Griechenland kämpfen.
Doch dazu kommt es nicht. Ein so genannter Ehrenmord beendet das Leben der Heldin. Die Freundin eines ihrer Söhne war mit einem anderen Mann zwangsverheiratet worden. Woraufhin der Sohn mit seiner Freundin durchbrannte – und zwar mit Bouboulinas Segen. Der Vater der Zwangsvermählten erschießt daraufhin Griechenlands größte Kämpferin. Das ist nicht nur falsch und feig, sondern vor allem keine "Familienstreit", wie oft zu lesen ist. Und es hat auch nichts mit Ehre zu tun.
Zar Alexander I. verleiht Bouboulina posthum den Titel eines Admirals. Sie wird damit zur ersten Admiralin weltweit. 2018 – und damit fast 200 Jahre nach ihrem Ableben – zieht die Griechische Marine nach. Allerdings etwas kleinlich: Griechenlands größte Revolutionärin wird nur Konteradmiral. Ungeachtet dessen gilt Bouboulina im heutigen Griechenland als Nationalheldin. Nach ihr werden Straßen und Plätze benannt. Vom Fischerboot bis zur griechische Fregatte tragen viele Schiffen ihren Namen. Ihr Konterfei zierte von 1998 bis 2001 die 1-Drachmen-Münzen. Alexis Sorbas nennt im bekanntem Roman und Film seine Geliebte zärtlich Bouboulina.
Weiterführende Links:
> Literatursammlung über Bouboulina des Prometheus-Projekts | https://prometheus.lmu.de/gnd/119209632
> Artikel in der Zeitschrift MARE | https://www.mare.de/die-jeanne-d-arc-der-griechen-content-5984
> Wikipedia Artikel zu Bouboulina | https://de.wikipedia.org/wiki/Laskarina_Bouboulina
> Bouboulina-Museumm auf der Insel Spetses | https://bouboulinamuseum.com
> Artikel über die Beförderung zum Konteradmiral (griechisch) | https://web.archive.org/web/20180428154529/https://www.kathimerini.gr/961425/article/epikairothta/ellada/h-mpoympoylina-yponayarxos-epi-timh-me-proedriko-diatagma
> Wissenschaftliche Arbeit zu Bouboulina und Philhellenismus | https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/year/2020/docId/52177
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