• Dracula in Rumänien
    Burgfestspiele auf der „echten“ Dracula-Burg

    Dracula

    Wie man eine Romanfigur in der Realität findet


    Der irische (nicht: englische!) Schriftsteller Bram Stoker schreibt im 19. Jahrhundert einen Grusel-Roman. Für seinen blutsaugenden Helden suchte er einen exotischen Ort, aber in Europa. Also: Rumänien.

    In England, den USA und Frankreich wird die 1897/1898 veröffentlichte Vampir-Story zum Bestseller. Alsbald tauchen begeisterte Leser in Rumänien auf, um die Schauplätze zu besichtigen. Nur: In Rumänien kennt niemand einen Vampir namens Dracula. Stokers Geschichte ist gut, folgt aber keiner rumänischen Tradition. Da er nie in Rumänien war, bezieht er seine Informationen aus dem Baedeker. Ortsnamen, Fahrpläne, Gasthäuser stimmen – ansonsten lässt er seine Phantasie walten.

    Glaubt man den damaligen Zeitungen, reagieren die Rumänen zunächst auch eher genervt. Doch irgendwann, spätestens im Sozialismus, braucht man das Geld der Touristen. Und macht sich auf die Suche nach Präsentablem. Fündig wird man in der rumänischen Geschichte bei Vlad Țepeș (Graf Zepesch). Dessen Vater hatte den Beinamen „Dracul“ (Der Drache). Der Sohnemann hieß dann „Draculea“ (Der kleine Drache). Man geht großzügig über das kleine „e“ hinweg, und hat voilà: Dracula. Und Țepeș war auch noch als „hart, aber gerecht“ und als „Der Pfähler“ bekannt.

    Nun braucht man noch ein passendes, möglichst malerisches Schloss. So eines steht in Bran. Kleiner Schönheitsfehler: Țepeș war nie in Bran, auch wenn die Tourismuswerbung behauptet, er sei, wenn auch nicht im Schloss, so wenigstens ein paar Tage im Ort gewesen. Im Gefängnis. Die Burg, die wirklich etwas mit Vlad Țepeș zu tun hat, steht in den Karpaten an der Transfăgărășan: Cetatea Poenari. Hierhin suchte der der Walachei-Fürst Zuflucht, nachdem er zwar die Osmanen besiegt, aber auch irgendwann kein Geld und damit Soldaten mehr hatte.

    Kurzum: Dracula ist keine rumänische Figur, ihr Schöpfer Bram Stoker war nie in Rumänien, Vlad Țepeș wurde nachträglich zum Vorbild des Romanhelden erklärt, Schloss Bran hat selbst damit nichts zu tun, Cetatea Poenari beherbergte immerhin Țepeș. Stoker wusste von alldem nichts – sein Roman sollte ursprünglich in der Steiermark spielen.